Daneilshöhle

Eine Halberstädter Dienstmagd wurde eines Tages von ihrer Herrschaft über Land geschickt, um eine Schuld zu bezahlen. Der Liebste des Mädchens begleitete es bis an den Huy und sagt ihm dann Lebewohl: "Komm heute Abend denselben Weg zurück", sprach er, "ich werde dich hier wieder erwarten." Als die Magd nun allein durch den Wald wanderte, wurde ihr bange. Da sah sie vor sich einen Mann gehen, dem sie sich anvertrauen wollte. Bald hatte sie ihn eingeholt, und beide gingen selbander weiter. Der Alte hatte durch geschicktes Fragen bald heraus, woher die Magd kam und welches ihr Auftrag war. Als sie aber ihren Begleiter ausfragen wollte, lachte dieser höhnisch und erzählte nur Unsinn. Jetzt kamen sie an den Eingang einer Höhle. Plötzlich nahm der Alte, Perücke und Bart ab, und - siehe da - vor dem Mädel stand ein Junger stattlicher Mann. Er pfiff in die Höhle hierein, und im Nu war die Jungfrau von einer Anzahl wild aussehender Männer umringt. Diese banden ihr Hände und Füße und schleppten sie in die Höhle. Dort nahmen sie ihr das Geld ab und berieten, was mit ihr geschehen solle. "Es ist eine kräftiges Mädel", sagte einer, "es könnte uns die Wirtschaft halten." "Ach was, wozu uns einen Verräter ins Nest setzen", rief ein anderer, "abschlachten!", der das Mädchen hergebracht, sprach: "Wenn du alles tun willst, was ich dier befehle, keinem verraten, was du hier siehst und hörst, so sollst du dein Leben behalten." Aus Furcht willigte die Magd ein, und mit einem Eide musste sie geloben, ihr Versprechen zu halten. So war sie nun in der Macht der Räuber und musste alles nach ihrem Begehr verrichten. Zuerst hatte sie große Angst und Furcht, allmählich gewohnte sie sich aber an alles. Oft brachten ihr die Räuber Geschmeide und prächtige Gewänder mit, gaben ihr Goldstücke, die sie in der Truhe aufbewahrte, und das schönste Essen. Am freundlichsten aber war Daneil zu ihr, der mit allen Mitteln um ihre Liebe warb. Doch war all sein Bemühen vergebens, die Magd blieb ihrem Schatze treu. Im Laufe der Zeit hatte sie sich an alles gewohnt, nur fiel ihr auf, dass ab und zu Klingeln, die am Felsen angebracht waren, schellten. Wenn die Räuber zugegen waren, eilten sie dann mit ihren Waffen davon und kamen später, meist mit reicher Beute beladen, wieder heim. Eines Tages sollte sie das Geheimnis erfahren. Sie saß unweit der Höhle auf einer Anhöhe, als sie von weitem einige Reiter herantraben sah. Plötzlich ertönten die Klingeln, die Räuber stürzten aus der Höhle und überfielen die Reiter. Alles spielte sich vor ihren Augen ab. Sie sah mit Entsetzen, wie die Reiter beraubt, erschlagen und an Ort und Stelle verscharrt wurden, wie einer der Räuber mit den Pferden davonjagt, während die anderen die Beute in die Höhle trugen. Jetzt wusste sie, dass überall unter die Waldwege, Drähte gelegt waren, die zu den Klingeln führten. Von Zeit und Stunde ab sann die Magd auf Flucht, sie fühlte sich aber durch den Eid gebunden. Ihre Geschenke betrachtete sie nur noch mit Entsetzten. Gegen Daneil konnte sie kaum noch freundlich sein; doch zwang sie sich dazu, um größere Freiheit zu erlangen. Eines Tages durchfuhr sie ein besonderer Schrecken. Die Räuber hatten einen Ballen Leder und ein Paar prächtige Schuhe mitgebracht, die ihr wie angegossen passten. "Sollten sie etwa ihren Liebsten getöt haben?", fragte sie sich im Stillen. Die Antwort schien ihr wenige Tage später ein silberner Ring zu geben, den sie einst ihrem Schatz geschenkt hatte. Fortan konnte sie ihre Wut nicht mehr zähmen, und sie brannte darauf, sich zu rächen. Als einige Tage später Daneil mit seinem Kumpanen unterwegs war, eilte sie in heftigen Lauf nach Halberstadt, kniete vor dem steinernen Roland nieder und beichtetet alles, was sie in sechs schrecklichen Jahren gesehen und gehört hatte. Ein vorübergehender Gerichtsdiener wurde aufmerksam und hörte andächtig zu. Dann fasste er sie a Arm und führte sie in das Rathaus, wo sie alles rückhaltlos erzählte, nachdem sie von drei Priestern ihres Eides entbunden war. Zugleich versprach sie, den listigen Räuber den Richtern zu übergeben. Ann eilte sie nach der Höhle zurück und bestreute auf Geheiß des Halberstädter Rates ihren Weg mit Erbsen. Am folgenden Tage erschienen die Schöffen mit zehn Landknechten im Huy und warteten auf den mit dem Mädchen verabredeten Augenblick. Plötzlich hörten sie das Glockenzeichen, sahen den Räuber und das Mädchen aus der Höhle treten und sich ins Gras legen. Daneil schien schon nach kurzer Zeit zu schlafen; da ließ das Mädchen einen Pfiff ertönen, und die Landsknechte näherten sich. Durch das Geräusch wurde der Räuber wach und konnte sich noch im letzten Augenblick in die Höhle retten und verrammelte die Tür. Vergebens versuchte man, sie zu erbrechen. Dann fasse man den Entschluß, den gefangenen Räuber durch kochendes Wasser zu verbrühen. Inzwischen hatten sich aus der Umgebung Hunderte von Menschen eingefunden, die halfen, Wasser herbeizuholen, das schnell heiß gemacht und durch Ritzen in die Höhle gegossen wurde. Doch das Wasser fügte dem Räuber kaum Schaden zu; denn es lief schnell wieder ab. Da kam man auf den Gedanken, mit heißem Brei dem Unhold zu Leibe zu gehen. Von allen Dörfern und Mühlen der Nahbarschaft wurde so viel Mehl herbeigeschafft, wie man nur auftreiben konnte. Darauf wurde ein großer Mahlbrei gekocht und in die Höhle gegossen. Da verstummte das Hohngelächter des Räubers. Und als man schließlich mit viel Mühe die feste Pforte öffnete fand man gleich am Eingang der Höhle den gekrümmten Leichnam des Übertäters.